Aus: Holger Kalweit, Traumzeit und innerer Raum – Die Welt der Schamanen, 1984

Schamanentum ist die unmittelbare psychische Erfahrung des Heiligen, es ist die Grundlage jeder Religion, weshalb schamanische Praktiken und Inspirationen sich auch leicht mit jeder Kultur und Religion vereinbaren lassen.
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Das Schamanentum gehört […] zu einer pan-religiösen humanen Tradition, die aus den biologischen Wurzeln der Menschheit geboren und so alt wie das Leben unserer Spezies ist.
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Das Schamanentum ist keine Religion – wie oft missverständlich behauptet wurde – sondern die persönliche Erfahrung veränderter Bewusstseinzustände. Mircea Eliade spricht diesbezüglich von einer kosmischen Religion und Aldous Huxley von einer Ewigen Philosophie, die von dem universalen menschlichen Verlangen getragen ist, die Dimension des Heiligen wieder zu entdecken.
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Schamanentum mag somit besser als lebendige, hautnah erlebte Spiritualität […] bezeichnet werden.

Der Schamane[…] wird jedoch auch in unserer Kultur langsam als einer der fähigsten Pioniere und Erforscher der Innenwelt erkannt, einer Innenwelt, die nichts anderes ist als die Außenwelt einer anderen Welt. In den Medizinleuten der Stammesgesellschaften haben wir die lebendigen Vertreter nicht nur der vorindustriellen, sondern gleichzeitig auch der postindustriellen Psychologie vor uns, welche die engen Grenzen der konventionellen Therapie, die nur zwischenmenschliche Konflikte einigermaßen zu bereinigen und zu entknoten weiß, weit hinter sich lassen wird. Diese „Transpersonale Psychologie“ wird zu Diagnosen und Formen der Heilung gelangen, die die Kurzsichtigkeit einer bloß individuell, familiär oder gesellschaftlich orientierten Analyse einer Störung überwinden. Sie wird die Konflikte des Lebens in einem Zusammenhang sehen, der Diesseits und Jenseits verbindet, und von dieser hohen Warte eine für den Normalmenschen vielleicht ungewöhnliche und unverständliche Therapielösung anstreben.
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Unsere abendländischen Psychotherapeuten haben bereits verschiedene Phasen auf dem Weg zu immer umfassenderen Einordnungskriterien – von der rein individualistischen Beurteilung einer Krankheit hin zur familiären und gesellschaftlichen Determination – durchlaufen. Sie haben die Vorstellung von der Isoliertheit des Individuums transzendiert, indem sie seine Störungen in ein weiteres Feld der Ursache-Wirkungs-Beziehung eingebettet fanden. Der Schamane jedoch geht, nachdem er all das gemeistert hat, noch einen Schritt weiter – er verlässt die Ebene des Materiellen und begibt sich ganz ins Geistige, ins reine Bewusstsein.
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Der Schamane ist ein normaler Mensch, er nimmt jedoch transnormale Qualitäten in sich auf und wagt den Sprung in andere Bewusstseinsbereiche, aus denen er erfrischt, neugeboren und psychisch erholt mit suprasensorischen Fähigkeiten zurückkehrt. Er gliedert seine Kenntnisse daraufhin in die Stammestraditionen ein und wird zu einem Diener der Gemeinschaft.